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Monatsthema 18: Ovarialkarzinome

Medienbriefing der Expertin Prof. Dr. Annette Staebler zum Thema "Ovarialkarzinome"

„Es ist Detektivarbeit“, sagt die Pathologin Prof. Dr. Annette Staebler über die pathologische Diagnostik von Eierstocktumoren. „Insgesamt zählen wir über 70 verschiedene tumorartige Gewebeveränderungen, die sich in den Eierstöcken bilden können, davon sind mehrere dutzend bösartig. Und dabei ist ein Eierstock gerade so groß wie eine Mandel. Das macht die pathologische Diagnostik anspruchsvoll.“

Prof. Annette Staebler weiß, wovon sie spricht. Sie ist Oberärztin mit Bereichsleitung Gynäkologische Pathologie und Mammapathologie im Department für Pathologie und Neuropathologie am Universitätsklinikum Tübingen und seit vielen Jahren spezialisiert auf Ovarialkarzinome. Im Interview spricht sie über ihre hochkomplexe diagnostische Arbeit, Team-Spirit in Tübingen und die wissenschaftliche Weiterentwicklung ihres Fachs.
Das bereitgestellte Material können Sie für Ihre Berichterstattung nutzen. Gern vermitteln wir Ihnen Prof. Dr. Annette Staebler als Interviewpartnerin und stellen bei Bedarf weiteres Material zur Verfügung.  

Zahlen – Daten – Fakten

Etwa 6.700 Frauen  erkrankten 2022 in Deutschland neu an bösartigen Tumoren der Eierstöcke. Die Erkrankungs- und Sterberaten nehmen laut Robert Koch-Institut in Deutschland seit der Jahrtausendwende deutlich ab, auch die absoluten Zahlen der Neuerkrankungen sind rückläufig.
10 bis 20 % der Ovarialkarzinome lassen sich zu Low-Risk-Karzinomen im klinischen Sinn zählen: Sie sind biologisch wenig aggressiv und/oder in einem frühen Stadium entdeckt und gut behandelbar. 
55 bis 65 % aller Ovarialkarzinome sind sogenannte hochgradig seröse Karzinome (HGSC). Sie sind die größte Gruppe und in der Regel die aggressivste Unterart des Ovarialkarzinoms.
Etwa 3 von 4 Ovarialkarzinomen werden erst im späten Stadium III oder IV entdeckt, was zu der eher schlechten Prognose für Patientinnen mit Ovarialkarzinom führt.
Bei etwa 1 von 4 Patientinnen ist der Eierstockkrebs erblich bedingt. Frauen tragen dann eine Genveränderung in bestimmten Risikogenen, wie BRCA1 und BRCA2
5 große pathogenetisch unabhängige, histologisch und molekular unterschiedliche Gruppen von Ovarialkarzinomen definiert die aktuelle WHO-Klassifikation.
Insgesamt über 70 verschiedene Typen von Ovarialtumoren – gutartige, bösartige oder Borderline-Varianten – werden heute insgesamt gezählt.
Ein Eierstock hat im reproduktiven Alter der Frau die Größe einer Mandel oder einer kleinen Pflaume.
Anfang 2026 ist die aktuelle Version der S3-Leitlinie zum Ovarialkarzinom erschienen. Das Kapitel zur Pathologie wurde komplett neu gefasst – Ausdruck des wachsenden Stellenwerts der Pathologie als zentrale Steuerungsinstanz der Präzisionsmedizin.

Quellen: Robert Koch-Institut, Krebsinformationsdienst; Leitlinienprogramm Onkologie

Nachgefragt bei …

… Prof. Dr. Annette Staebler, Oberärztin mit Bereichsleitung Gynäkologische Pathologie und Mammapathologie im Department für Pathologie und Neuropathologie am Universitätsklinikum Tübingen.

Wie viele Typen des Ovarialkarzinoms werden unterschieden?
Es gibt fünf große pathogenetisch unabhängige, histologisch und molekular unterschiedliche Gruppen von Ovarialkarzinomen – definiert in der aktuellen WHO-Klassifikation. Dazu zählen unter anderem high-grade seröse, low-grade seröse endometrioide, klarzellige und muzinöse Karzinome. Jeder dieser Typen kann wiederum in verschiedene biologische Abstufungen eingeteilt werden – in gutartige, sogenannte Borderline-Varianten und eindeutig bösartige Varianten. Zusätzlich kommen weitere Tumorgruppen hin-zu, etwa Keimzelltumoren oder Keimstrang-Stromatumoren, die ebenfalls zahlreiche Unterformen besitzen. Insgesamt kommen wir auf über 70 Gewebeveränderungen, die sich in den Eierstöcken bilden können – mehrere dutzend davon sind bösartig.

Wie gehen Sie bei dieser Komplexität in der pathologischen Diagnostik vor?
Es ist wie Detektivarbeit. Ausgangspunkt ist immer das Mikroskop. Anhand der Gewebestruktur und Zellmorphologie entwickle ich eine Verdachtsdiagnose. Wer viele schwierige Fälle gesehen hat, erkennt typische Muster schneller und kann gezielter entscheiden, welche zusätzlichen Untersuchungen folgen müssen. Immunhistochemische Marker, wie WT1 oder p53, sowie Hormonrezeptoren (wie Östrogen- und Progesteronrezeptoren) helfen mir, die verschiedenen Tumortypen voneinander zu unterscheiden. Damit kann ich schon den Großteil der Tumoren zuverlässig klassifizieren. Ergänzend kommen molekulare Untersuchungen neuer Zielstrukturen hinzu. Solche Untersuchungen sind nicht nur für die Diagnostik wichtig, sondern entscheiden zum Beispiel über die Auswahl von PARP‑Inhibitoren und anderen zielgerichteten Therapien und verbessern die Voraussagbarkeit des Therapieverlaufs. 

Wie wichtig ist die Abstimmung mit anderen Organpathologinnen und -pathologen?
Sehr wichtig. Tumoren im Eierstock müssen nicht zwangsläufig dort entstanden sein. Häufig handelt es sich um metastasierte Tumoren aus dem Gastrointestinaltrakt, beispielsweise kleine Magenkarzinome. Wenn ich einen solchen Verdacht habe, schalte ich die spezialisierten Kolleginnen und Kollegen ein. Für die gesamte pathologische Diagnostik – gerade der seltenen und schwierigen Fälle – ist die Pathologie in Tübingen nicht nur technologisch sehr gut aufgestellt. Es macht Spaß, hier zu arbeiten und meine Erfahrung in die Ausbildung der jüngeren Kollegen einzubringen.  Besonders die enge Zusammenarbeit mit den klinischen Teams in der Frauenklinik motivieren mich. Wenn aus dem Operationssaal ein Anruf kommt und gezielt meine Expertise gefragt ist, empfinde ich das als Bestätigung, an der richtigen Stelle zu sein. 

Was war für Sie beim Ovarialkarzinom vor wenigen Jahren noch nicht sichtbar?
Da gibt es einiges, ich möchte nur ein Beispiel nennen: Traditionell wurde angenommen, dass Ovarialkarzinome primär in den Eierstöcken entstehen. Der Ursprung bei einem großen Teil liegt aber im Eileiter. Viele der aggressivsten Ovarialkarzinome bilden sich biologisch als frühe mikroskopische Vorstufen im Eileiter und breiten sich dann aus. Das gilt beispielsweise für den wichtigsten Subtyp das high-grade seröse Karzinom (HGSC), er macht etwa 60 Prozent der Ovarialkarzinome aus. Diese Erkenntnis ist Ergebnis der wissenschaftlichen Entwicklung meines Fachs in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren. Somit kann z.B. bei vielen Patientinnen durch eine frühzeitige Entfernung der Eileiter, wenn die Familienplanung abgeschlossen ist, ein mögliches Ovarialkarzinom verhindert werden.

Zitat

Prof. Dr. Annette Staebler, Oberärztin mit Bereichsleitung Gynäkologische Pathologie und Mammapathologie im Department für Pathologie und Neuropathologie am Universitätsklinikum Tübingen:

„Gerade die seltenen und komplizierten Fälle faszinieren mich bis heute am meisten. Wenn ich Schritt für Schritt verstehe, was hinter einem Tumor steckt, verschiedene Möglichkeiten ausschließe und am Ende die richtige Diagnose finde, ist das unglaublich befriedigend. In solchen Momenten merke ich, warum ich morgens aufstehe: Die präzise diagnostische Einordnung ist für mich ein persönlicher Auftrag gegenüber jeder betroffenen Frau. Die zweite persönliche Verpflichtung: spezialisiertes Wissen und Erfahrungen an den Pathologie-Nachwuchs weitergeben.“
 

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lehmkuehler@pathologie-dgp.de

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Quicklinks

Prof. Dr. Annette Staebler – Universitätsmedizin Tübingen
S3-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Nachsorge maligner Ovarialtumoren
Arbeitsgemeinschaft Gynäkologie und Mammapathologie in der DGP
Krebsinformationsdienst – Ovarialkarzinom

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