Was ist Pathologie?

Die Pathologie: Dichtung und Wahrheit über die Allrounder in der Medizin

Etwa 1300 Pathologen praktizieren in Deutschland. Über sie und ihre Arbeit gibt es eine Menge Klischeevorstellungen – und viele davon sind falsch oder zumindest nur halbwahr, wie etwa die vom „Leichenaufschneider“. Womit also beschäftigen sich Pathologen wirklich? Ein Überblick über Geschichte, Aufgaben und neue Perspektiven der Pathologie 

„Die Leiche ist schon in der Pathologie …!“ Mediziner, vor allem Pathologen, zucken innerlich zusammen, wenn ein Autor solche Sätze in einem Roman oder in einem Krimi-Drehbuch schreibt.
Für Todesfälle mit vermuteter nicht natürlicher Ursache oder für Opfer von Gewaltverbrechen sind die Rechtsmediziner oder Forensiker zuständig, nicht die Pathologen. Die Rechtsmediziner wiederum fühlen sich zu Recht missachtet, wenn man ihre Arbeit den Pathologen zuschreibt. Schuld an dieser Verwechselung sind TV-Serien wie „CSI“ oder „Bones“, die suggerieren, ein Pathologe verbringe den größten Teil seiner Arbeitszeit damit, ungelösten Mordfällen auf die Spur zu kommen.

Pathologen und Rechtsmediziner – eine Begriffsverwirrung

Pathologin am Mikroskop, Foto: ©corbis_fancy via fotolia
Sektionssaal der Charité in Berlin, Foto: ©Ralf Roletschek via Wikimedia Commons, 2012

Wohl jeder Pathologe würde den Satz unterschreiben, seine Arbeit sei interessant, mitunter auch aufregend. Doch kriminalistisch gefärbt ist sein Alltag selten, denn Pathologen beschäftigen sich vor allem mit lebenden Patienten und deren Gewebe unter dem Mikroskop. Da im englischsprachigen Raum die Rechtsmediziner oder Forensiker aber als „forensic pathologist“ bezeichnet werden, entsteht durch die wörtliche Übersetzung ins Deutsche eine Begriffsverwirrung.

Hin und wieder arbeiten Forensiker und Pathologen aber auch zusammen – etwa, wenn dem Todesopfer eines vermuteten Gewaltverbrechens bei der Obduktion ein Organ entnommen wird, das Veränderungen unklarer Ursache aufweist. In diesem Fall sind die Pathologen gefragt, die Gewebeproben des Organs histologisch unter dem Mikroskop zu untersuchen.
Auch in Krankenhäusern kommt es vor, dass Angehörige die Obduktion eines verstorbenen Patienten verlangen, wenn sie Klarheit über die genaue Todesursache bekommen wollen. Diese Obduktion führt dann ein Pathologe durch.

Ansonsten jedoch widmet der Pathologe seine Arbeit zu etwa 95 Prozent den lebenden Patienten – auch ohne direkten Patienten-Kontakt zu haben. Er unterstützt seine behandelnden Fachkollegen durch eine fundierte und sichere Diagnose am Mikroskop und mit moderenem technischen Gerät dabei, die Entscheidung für die richtige Therapie zu treffen. Vielen Laien – und auch den meisten Patienten – ist gar nicht klar, wer da hinter den Kulissen als eine Art „graue Eminenz“ an der wichtigen Schnittstelle zwischen Diagnose und Therapie wirkt.

Makro und Mikro im Arbeitsalltag

Wichtige Mitarbeiter: Medizinisch-technische Assistentin (MTA) in einem pathologischen Labor, Foto: ©Livestock Industries, CSIRO via Wikimedia Commons, 2002

Ein Großteil der Pathologen-Tätigkeit in Universitätskliniken, Großkrankenhäusern oder in Praxen niedergelassener Pathologen besteht darin, Biopsien – also Gewebeproben von lebenden Patienten - unter dem Mikroskop zu analysieren. Denn trotz moderner Labormedizin und hochauflösender, bildgebender Verfahren können auch heute noch viele Erkrankungen nur über eine mikroskopische Untersuchung von Gewebe diagnostiziert werden.
Der feingeweblichen Untersuchung voran geht die Begutachtung von Gewebe mit bloßem Auge. Anhand dieser Makroskopie entscheidet der Pathologe, welchen Bereich er einer Mikroskopie unterziehen wird. Das Gewebe wird dem Patienten mittels endoskopischer oder operativer Verfahren entnommen. Die Probe ist häufig auch nur stecknadelkopfklein. Untersucht werden abnorme Veränderungen mit noch unklarer Ursache. Oder es gilt, einem konkreten Verdacht des behandelnden Fachmediziners nachzugehen. Dieser möchte beispielsweise Gewissheit haben, ob es sich um einen bösartigen oder gutartigen Tumor im Brustgewebe handelt oder, in einem anderen Fall, um eine behandlungsbedürftige Entzündung des Magen-Darm-Traktes (Gastritis). 

Histologische Objektträger und Gewebe in Paraffin, Foto: ©MaXPdia via iStock, 2011

Lotsen der Therapie

Das Motto der Deutschen Gesellschaft für Pathologie (DGP) – „Dem Leben verpflichtet“ – umschreibt also exakt die Ziele, denen Pathologen sich verpflichtet fühlen. Sie übernehmen die Aufgabe von „Lotsen der Therapie“, und insbesondere im Fall von Krebserkrankungen ist bei der Fragestellung „gutartig oder bösartig?“ meist ein Pathologe gefragt. 

Auch wenn sehr schnelle Entscheidungen getroffen werden müssen – etwa während der Operation eines schwierig zu entfernenden Karzinoms – sind Pathologen wichtige Partner der Operateure und per Videokonferenz oder persönlich im OP zur Begutachtung des Organs oder des Gewebeteils dabei. Mittels eines sogenannten Schnellschnitts untersucht der Pathologe dann  innerhalb von Minuten, ob im Gewebe noch Krebszellen nachweisbar sind und der Operateur weiteres Gewebe entfernen muss oder nicht.

Darüber hinaus ist die Pathologie ein wichtiges Instrument der Qualitätssicherung in der Medizin. Denn ihre kontrollierende Diagnostik hilft dabei, den Standard in allen medizinischen Fachgebieten zu halten und zu verbessern.

Organuntersuchung nach einer Operation - Interaktion zwischen Operateur und Pathologe, Foto: ©Christopher Morris/VII/Corbis, 2013

Interdisziplinär und breit aufgestellt

Studierende im Hörsaal, Foto: ©kasto via fotolia

Die Ausbildung zum Pathologen muss ein sehr breites Spektrum abdecken: Sie untersuchen die unterschiedlichsten Gewebeproben – vom zweijährigen Kleinkind, aber auch vom 85-jährigen Rentner – und müssen die charakteristischen Gewebeveränderungen bei verschiedensten Erkrankungen und Infektionen wie Krebs und HIV, bei Entzündungen wie Morbus Crohn oder Unverträglichkeits-Krankheiten wie der Glutensensitiven Enteropathie (Magen- und Darmschleimhaut) sicher zuordnen können. Kurz: Pathologen arbeiten interdisziplinär und integrativ innerhalb aller medizinischen Fachrichtungen.

Pathologen absolvieren in ihrer Ausbildung ein normales sechs- bis siebenjähriges Medizinstudium. Darauf folgt die eigentliche Spezialisierung zum Facharzt oder zur Fachärztin für Pathologie in einer sechsjährigen Ausbildung. Meist spezialisieren sich Pathologen währends Ihres Berufslebens auf bestimmte Bereiche der Pathologie: beispielsweise auf die Gynäkopathologie, die Urologische Pathologie oder die gastrointestinale Pathologie.

Die „Lehre von den Leiden“

Ein kurzer Blick in die Geschichte: Erstmals ist der Begriff der Pathologie beim griechischen Arzt Galenos zu finden (ca. 129 bis 201 n.Chr.). Ursprünglich als „Lehre von den Leiden“ verstanden, wird dieser Begriff in der griechischen Sprache heute insbesondere auf die Innere Medizin angewandt. Als eigentlicher Begründer der modernen Pathologie gilt der italienische Forscher Giovanni Battista Morgagni, der 1761 ein Grundlagenwerk dazu verfasste: „De sedibus et causis morborum per anatomen indagatis” („Vom Sitz und den Ursachen der Krankheiten”). 

1819 wurde in Straßburg der erste Lehrstuhl für Pathologie eingerichtet, Prüfungsfach wurde die Pathologie erstmals 1844 an der medizinischen Fakultät in Wien. Das noch heute gültige Konzept der Zellularpathologie - die Lehre, nach der Krankheiten auf Störungen der Körperzellen bzw. auf Störungen ihrer Funktionen basieren – etablierte schließlich Rudolf Virchow, der auch erster Vorsitzender der 1897 gegründeten „Deutschen Pathologischen Gesellschaft“ (die 1948 in „Deutsche Gesellschaft für Pathologie“ umbenannt wurde) war. 

In der frühen Zeit der Pathologie hatten es die Mediziner im Gegensatz zu heute häufiger mit Gewebeproben verstorbener Patienten zu tun. Die Kenntnisse über die Ursachen vieler Krankheiten waren im Vergleich mit der heutigen modernen Medizin noch gering und die Früherkennung krankhafter Veränderungen steckte noch in den Kinderschuhen. Zu Biopsien kam es oft gar nicht, weil die Patienten unbehandelt verstarben. Somit konnten die Pathologen mögliche Diagnosen nur anhand der Gewebeproben der Verstorbenen stellen.

Giovanni Battista Morgagnis "De sedibus et causis morborum per anatomen indagatis" von 1761 (l.) und ein Portraitbild des Autors (r.), Quelle: Wikimedia Commons

Die aufregende Welt der Molekularpathologie

DNA-Sequenziergerät, Foto: Wikimedia Commons
DNA-Sequenz, Interferogramm, Foto: Wikimedia Commons

Diese Zeiten sind lange vorüber. Und seit der letzten Jahrtausendwende hat die Pathologie einen weiteren, wichtigen Schritt vollzogen: Mit der Sequenzierung oder „Entschlüsselung“ des menschlichen Genoms hat die Molekularpathologie an hoher Bedeutung gewonnen. Sie eröffnet neue und umfassende Möglichkeiten in der Diagnostik. Durch die Untersuchung von DNA-Material im erkrankten Gewebe kann die Diagnose so sehr vertieft und verfeinert werden, dass eine Art „maßgeschneiderte“ Therapie möglich wird. Gerade in der Krebstherapie ist es wichtig, dass Medikamente, die in der Chemotherapie verabreicht werden, „auf den Punkt“ wirken und bösartigen Tumoren ihre Wachstumsgrundlage schnellstmöglich entziehen. Auch beim Nachweis von gefährlichen Erregern – etwa bei der Tuberkulose – kommt die Molekularpathologie ins Spiel.

Und schließlich: In der medizinischen Forschung, etwa in der Krebsforschung, spielen die Pathologen ebenfalls eine wichtige Rolle. Als Mediziner, die krankhaft verändertes Gewebe morphologisch und molekularbiologisch untersuchen, nehmen sie eine Brückenstellung zwischen Grundlagenforschung und klinisch tätigen Ärzten ein. Das zeigt sich in zahlreichen Forschungskooperationen, in denen Pathologen und Kliniker sich optimal ergänzen.   

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