Klinische Obduktionen
Im „Tatort“ und in anderen Krimis heißt es nicht selten: „Die Leiche liegt in der Pathologie.“ Richtigerweise liegt sie in der Rechtsmedizin. Pathologinnen und Pathologen führen zwar auch Obduktionen durch, aber nur im klinischen Kontext: Die Umstände des Todes müssen natürlicher Art sein.
Während sich im Film die Verwechslung der klinischen und forensischen Zuständigkeiten hartnäckig hält, entwickelt sich in Deutschland eine kleine Revolution: In kürzester Zeit entsteht eine nationale Forschungs- und Registerstruktur, die Obduktionsdaten erstmals systematisch erfasst und Forschung ermöglicht: das Nationale Obduktionsnetzwerk NATON mit seinem Kern, dem Nationalen Obduktionsregister NAREG.
Das Bewusstsein dafür, dass klinische Obduktionen fundamentale und unverzichtbare Einsichten in Krankheitsverläufe liefern und einen hohen diagnostischen Mehrwert bieten, gibt es schon lange. Aber Strukturen gibt es erst jetzt – dank engagierter Expertinnen und Experten aus Pathologie, Neuropathologie und Rechtsmedizin, die den Paradigmenwechsel gemeinsam mit der Politik gestalten: weg von der vereinzelten Obduktion ohne statistische Sichtbarkeit hin zu einer transparenten, wissenschaftlich nutzbaren Infrastruktur. Wir sprachen darüber mit der Pathologin PD Dr. Saskia von Stillfried, Fachärztin und Obduktionsspezialistin am Institut für Pathologie der Uniklinik RWTH Aachen und stellvertretende Leiterin des Nationalen Obduktionsregisters NAREG.
Die aktuelle Entwicklung rund um klinische Obduktionen wird ein Thema der 109. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Pathologie vom 28. bis 30. Mai 2026 in Augsburg sein.
Zahlen – Daten – Fakten
2008 | begann an der RWTH Aachen die Arbeit mit postmortaler Bildgebung als Einstieg in die Obduktionsforschung. Heute ist das Institut für Pathologie der Uniklinik RWTH Aachen das Zentrum, das das Nationale Obduktionsregister NAREG koordiniert. |
2011 | wurde eine repräsentative Befragung (u. a. im Deutschen Ärzteblatt) veröffentlicht, die eine grundsätzlich positive Einstellung der Bevölkerung zu klinischen Obduktionen zeigte: Die Akzeptanz lag bei 84 %. |
2020 | markierte die COVID-19-Pandemie eine Zäsur: Klinische Obduktionen nahmen zu, da sie für den Erkenntnisgewinn rund um die neue globale Erkrankung als alternativlos galten. |
Im März 2020 | startete der Aufbau des COVID-19-Obduktionsregisters, ab Juli 2020 gefördert durch das Bundesministerium für Gesundheit. |
Im April 2020 | ging das COVID-19-Obduktionsregister in Betrieb |
Im September 2020 | wurde das Netzwerk Universitätsmedizin (NUM) als Reaktion auf die COVID-19-Pandemie gegründet. Ziel war es, die klinische COVID-Forschung an den Universitätskliniken zu koordinieren und zu bündeln. Das NUM wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt finanziert. |
Bis Oktober 2021 | wurden im COVID-19-Obduktionsregister 1.129 Obduktionen aus 29 beteiligten Zentren erfasst. |
Seit Oktober 2021 | werden klinische Obduktionen ohne Quotierung oder indikationsbasierte Auswahlkriterien angemessen vergütet; zuvor gab es eine zu niedrige und stark eingeschränkte Finanzierung. |
2023 | wurde das COVID-19-Obduktionsregister formal in das Nationale Obduktionsregister NAREG beim Nationalen Obduktionsnetzwerk überführt, um klinische (Pathologie, Neuropathologie) und rechtsmedizinische Obduktionen (Rechtsmedizin) systematisch zu erfassen und auszuwerten. |
Seit September 2023 | liegt für NAREG ein positives Ethikvotum vor. Der Aufbau des Registers hat offiziell begonnen. |
Bis Anfang Januar 2026 |
|
Nachgefragt bei …
… der Pathologin PD Dr. Saskia von Stillfried, Fachärztin und Obduktionsspezialistin am Institut für Pathologie der Uniklinik RWTH Aachen, stellvertretende Leiterin des Nationalen Obduktionsregisters NAREG:
Wenn man sich mit klinischen Obduktionen in Deutschland beschäftigt, stößt man schnell auf eine erstaunliche Leerstelle: Es gibt keine verlässlichen Zahlen.
Ja, über viele Jahre gab es in Deutschland tatsächlich keine verlässlichen Zahlen, weil sie weder systematisch erfasst noch zentral ausgewertet wurden. Unter anderem hat die fehlende Finanzierung zu einer strukturellen Abwertung von Obduktionen geführt und das Verfahren aus dem klinischen Alltag verdrängt. Wir Pathologinnen und Pathologen wollen das schon lange ändern und Obduktionen wieder als sinnvollen letzten Schritt der medizinischen Betreuung verankern.
Warum sind klinische Obduktionen unverzichtbar?
Klinische Obduktionen wirken auf mehreren Ebenen. Sie sind eines der wichtigsten Instrumente der Qualitätssicherung, weil sie eine extrem detaillierte Rückmeldung über Krankheitsverläufe und Todesursachen liefern. In 10 bis 40 % der Fälle – so sagen verschiedene Studien – werden post mortem zusätzliche, zuvor nicht bekannte Befunde entdeckt, die Diagnostik oder Therapie verändert hätten. Jede einzelne Obduktion bietet damit einen Lerngewinn für das behandelnde Team einerseits und die Medizin und das Gesundheitswesen als Ganzes andererseits.
Für Angehörige bedeutet eine Obduktion oft Klarheit: Warum ist der Mensch gestorben? Gab es eine bislang unbekannte Erkrankung? Besteht ein erbliches Risiko für mich und andere Familienmitglieder? Eine klinische Obduktion kann helfen, Unsicherheit zu reduzieren.
Gesellschaftlich schließlich geht es um Wissen und Vertrauen. Todesursachenstatistiken bilden die Grundlage für Gesundheitsplanung, Prävention und Forschung. Sie dürfen nicht auf Vermutungen, sondern müssen auf überprüften Befunden beruhen.
Jetzt wird in Deutschland eine Infrastruktur dafür aufgebaut. Wie ist der Status quo?
Im Grunde begann alles mit der COVID-19-Pandemie. Es war schnell klar, dass klinische Obduktionen für den Erkenntnisgewinn über die neue Erkrankung unverzichtbar sind. Zunächst wurde das COVID-19-Obduktionsregister aufgebaut. Nach der Pandemie entwickelte sich daraus unter dem Dach des Netzwerks Universitätsmedizin das Nationale Obduktionsnetzwerk NATON sowie das Nationale Obduktionsregister NAREG, und zwar als kollaboratives Forschungsnetzwerk von Pathologie, Neuropathologie und Rechtsmedizin. Seit dem Start im April 2020 bis heute haben wir bereits Daten von 2.780 Obduktionen im Register erfasst. Die Mitarbeit im Netzwerk ist freiwillig, 36 universitäre – also fast alle in Deutschland – und 8 nicht-universitäre Einrichtungen sind dem Netzwerk bereits beigetreten. Parallel dazu haben sich die legislativen Rahmenbedingungen verbessert: Obduktionen werden inzwischen regelhaft über einen OPS-Code vergütet und unterliegen nicht mehr den früheren engen Begrenzungen auf bestimmte Indikationen oder Fallzahlen. Das alles verbessert die Datenlage – zum Beispiel bei neuen Erkrankungen, bei Nebenwirkungen von Medikamenten, bei metastasierten Krebserkrankungen, bei plötzlichem Herztod oder infektiösen Erkrankungen und intensivmedizinischer Behandlung. Auch wenn offizielle und verlässliche nationale Obduktionsdaten noch etwas auf sich warten lassen: Sie werden kommen. Viele Forschungsfragen warten bereits jetzt auf Antworten. Das ist ein echter Fortschritt. Diese Entwicklung macht die Medizin besser.
Zitat
Pathologin PD Dr. Saskia von Stillfried, Fachärztin und Obduktionsspezialistin am Institut für Pathologie an der Uniklinik RWTH Aachen, stellvertretende Leiterin des Nationalen Obduktionsregisters NAREG:.
„Häufigere klinische Obduktionen können dazu beitragen, Tod nicht als medizinisches Ende, sondern als letzte Möglichkeit des Lernens zu begreifen – im Interesse zukünftiger Patientinnen und Patienten und einer lernenden Medizin. Wir dürfen aber nicht zulassen, dass das Wissen über klinische Obduktionen verloren geht. Viele erfahrene Pathologinnen und Pathologen mit großer Obduktionsexpertise gehen in den Ruhestand – wenn wir jetzt nicht weiter obduzieren, können wir dieses Wissen weder erhalten noch an den Nachwuchs weitergebenn.“
Ansprechpartnerin für Medienanfragen
Saskia Lehmkühler, Tel: +49 30 25760 727
lehmkuehler@pathologie-dgp.de
Presseverteiler
Sie möchten in unseren Presseverteiler aufgenommen werden? Schreiben Sie bitte an Saskia Lehmkühler: lehmkuehler@pathologie-dgp.de
Termine
109. Jahrestagung der DGP in Augsburg, 28. bis 30. Mai 2026
Quicklinks
Die aktuelle interaktive Broschüre der DGP richtet sich vor allem an angehende Mediziner*innen, die sich für eine Laufbahn im Fachbereich Pathologie interessieren.
Digitale Broschüre
Die gedruckte Broschüre kann außerdem kostenfrei bestellt werden.
Senden Sie uns eine E-Mail an: geschaeftsstelle@pathologie-dgp.de
Als Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Pathologie können Sie Ihre Fachzeitschrift Die Pathologie mit 20% Rabatt abonnieren.
Zusätzlich zum gedruckten Heft erhalten Sie:
Als Neumitglied der DGP erhalten Sie Die Pathologie derzeit sogar für nur 150 Euro im ersten Jahr! Mehr Informationen
Werden Sie Mitglied in der DGP!
Weitere InformationenSchließenMitglied werden