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Reform des Studiengangs Medizin: Profil des Faches Pathologie muss sichtbar bleiben

Der Masterplan 2020 zur Reform des Studienganges Medizin (NKLM, IMPP) wurde Ende März 2017 verabschiedet. Eine Expertenkommission soll nun die Umsetzung klären. Ein Gespräch zum Stand der Reform mit Prof. Dr. Phillipp Ströbel, Direktor des Instituts für Pathologie der Universität Göttingen, und Prof. Dr. Christoph Brochhausen-Delius, stellvertretender Direktor und Leitender Oberarzt am Institut für Pathologie der Universität Regenburg.

DGP: Prof. Ströbel und Prof. Brochhausen-Delius, Sie sind beide als Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Pathologie (DGP) in der Expertenkommission zum Masterplan 2020 aktiv. Was sind kurz zusammengefasst die wichtigsten Eckpunkte der Reform?

Prof. Ströbel: Der Masterplan sieht Veränderungen bei der Studienstruktur und den Ausbildungsinhalten vor. Die Studierenden sollen frühzeitig lernen, sich am Patienten und dessen Bedürfnissen zu orientieren. Ein wesentlicher Punkt ist, dass das Studium und auch die Zulassung zum Studium zukünftig stärker auf die verschiedenen Rollen des ärztlichen Alltags ausgerichtet sein sollen. Zur Erfüllung dieser verschiedenen Rollen sind unterschiedliche Kompetenzen erforderlich, darunter auch soziale und kommunikative Fähigkeiten, die den Behandlungserfolg unterstützen und auch zu präventiven Maßnahmen motivieren. Die zentrale Bedeutung der Abiturnote mit Numerus clausus für die Zulassung zum Studium soll zukünftig abgeschwächt werden. Genaueres ist dazu aber bislang noch nicht bekannt.

Ein zweiter Schwerpunkt der Reform ist, dass die Allgemeinmedizin aufgewertet wird. Alle Studierenden werden zukünftig im Staatsexamen in diesem Fach geprüft. Hiermit möchte man den Stellenwert der Allgemeinmedizin in der medizinischen Versorgung stärken.

Prof. Brochhausen-Delius: Ein dritter wichtiger Aspekt ist in diesem Kontext die sogenannte Landarztquote. Verschiedene Bundesländer diskutieren, diese Quote einzuführen. Zehn Prozent der Studienplätze könnten dann an Bewerber gehen, die sich verpflichten, nach der Ausbildung zehn Jahre als Hausarzt auf dem Land zu arbeiten. Es heißt in dem Zusammenhang, dass Universitäten als öffentliche Einrichtungen die medizinische Versorgung der Bevölkerung sicherstellen müssen. Ob diese Landarztquote der Königsweg ist, um dieses nachvollziehbare Ziel zu erreichen, muss sich noch herausstellen.

Wird diese Landarztquote in allen Bundesländern eingeführt?

Prof. Brochhausen-Delius: Nein, diese Option wird sehr unterschiedlich bewertet. Bayern, NRW, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein stehen dieser Quote positiv gegenüber, Hessen hat sich gegen diesen Weg entschieden. In NRW ist die Quote mittlerweile beschlossene Sache.

Welche Bedeutung hat die Reform des Studiengangs für die Lehre?

Prof. Ströbel: Die Ausbildungsreform wird zu einer Überarbeitung und vermutlich einer Straffung der Ausbildungsinhalte und auch der Staatsexamensprüfungen führen. Neben reinem medizinischem Faktenwissen sollen auch persönliche Fähigkeiten, Fertigkeiten und Haltungen vermittelt werden. Die sozial-kommunikativen Fähigkeiten haben wir schon erwähnt. Die Studierenden sollen auch stärker mit Patientinnen und Patienten in Berührung kommen. Deshalb werden zukünftig im vorklinischen Studienabschnitt theoretische Inhalte und klinisch-praktische Aspekte verknüpft.

Was heißt das konkret für Ihre Lehrpraxis?

Prof. Ströbel: Lehre und Prüfungen stehen in einem gewissen Spannungsverhältnis zueinander. Einerseits soll gute Lehre das Interesse und die Neugierde der Studierenden an einem Stoff wecken, andererseits weiß jeder Lehrer, dass zur Sicherung des Lernerfolges Prüfungen unerlässlich sind. Während in der relativ kurzen Zeit der Präsenzlehre oft nur Zeit bleibt, um einen Überblick über die wichtigsten Zusammenhänge zu geben, werden in Prüfungen oft sehr spezielle Details abgefragt. Die aus Zeitgründen resultierende Fixierung und Reduktion auf rein prüfungsrelevante Inhalte halte ich für ein Unglück. Ein verstärkt kompetenzbasierter Zugang im momentanen System würde diesen Widerspruch nicht entschärfen, sondern im Gegenteil weiter verstärken. Eine Folge davon ist aus meiner Sicht, dass auch die Form der Prüfungen überarbeitet und realitätsnäher gestaltet werden muss – Patienten oder medizinische Probleme bestehen schließlich auch nicht aus fünf Kästchen mit einer richtigen Antwort.

Die Ausrichtung der Lehrinhalte am Prüfungsstoff, ist das nicht eine sehr enge Vorgabe für die Lehre?

Prof. Brochhausen-Delius: Viele Studierende fragen tatsächlich, „brauche ich das für die Prüfungen?“. Generell stellen wir fest, dass junge Menschen in der Mehrzahl nicht mehr bereit sind und oft auch objektiv nicht mehr die Zeit haben, sich tief in einzelne Fachbereiche einzuarbeiten.

Ein Problem ist, dass die Prüfungen im Multiple-Choice-Verfahren erfolgen. Dabei geht es immer um Details. Pro Unterrichtseinheit müssen wir den Stoff von etwa fünf Prüfungsfragen erarbeiten. Im Unterricht versuchen wir den Studierenden dagegen immer zu vermitteln, warum sie etwas lernen sollen. Dadurch weiten wir ihren Blick und fordern sie auf, sich mit dem klinischen Bezug eines Befundes zu beschäftigen.

Gerade in der kritischen Auseinandersetzung mit den anatomisch-pathologischen Veränderungen und den klinischen, bildgebenden und laborchemischen Untersuchungsbefunden sehen wir eine elementare Aufgabe der Pathologie in der Lehre. Damit werden die Studierenden an die Einordnung von Befunden für die Entscheidungsfindung in Diagnostik und Therapie herangeführt, und nur so kann trainiert werden, welchediagnostischen Verfahren in welcher Reihenfolge zur korrekten Diagnose führen und dann eine zielgerichtete Therapie ermöglichen.

Darum achten wir auch in Vorlesungen und in der Kleingruppenarbeit während des Praktikums darauf, fallbezogen zu arbeiten und beispielsweise makroskopische Befunde mit klinischen Befunden abzugleichen. Bei der Arbeit mit Kurspräparaten sollen die Studierenden zum Beispiel nachvollziehen lernen, warum Tumoren heterogen auf eine Chemotherapie ansprechen können. Unsere Erfahrungen zeigen, dass Studierende motiviert sind, wenn sie in diesen komplexen Zusammenhängen arbeiten können.

In der Prüfung kommen diese zusammenhangstiftenden Fragen gegenüber den detailorientierten Multiple-Choice-Verfahren bislang noch zu wenig zum Tragen. Hier wollen wir uns aktiv einbringen.

Sie sind in der Lehre also offensichtlich kompetenzorientierter als in den Prüfungen?

Prof. Brochhausen-Delius: Ja, das ist korrekt. Wir sind im Unterricht moderner in den Methoden, zudem komplexer und damit eben kompetenzorientierter als in den Prüfungen. Ein Teil unserer Prüfungen sollte deshalb auch nach Verabschiedung des Masterplans mündlich erfolgen, weil wir hier mehr Möglichkeiten haben, Essentielles herauszuarbeiten.

Was ändert sich für das Fach Pathologie durch die Reform?

Prof. Ströbel: Ich sehe das Vorhaben als Chance und kann ihm durchaus viele positive Aspekte abgewinnen, wenn es uns gelingt, die Rolle der Pathologie als Brückenfach zwischen den vorklinisch-theoretischen Fächern und den klinischen Fächern zu verdeutlichen und im Gegenstandskatalog abzubilden. Zugleich hat die Pathologie mit ihrer Betonung auf Nomenklaturen und Systematiken eine wichtige propädeutische Funktion. Ich vergleiche diese Rolle gerne mit meinem Lateinunterricht in der Schule: Das Erlernen der lateinischen Grammatik gibt einem ein tieferes Verständnis, wie zumindest die meisten europäischen Sprachen aufgebaut sind. Ich erlebe mich in meinem Alltag zunehmend auch als Dolmetscher zwischen den Disziplinen. Wenn es uns gelingt, diese Inhalte im Curriculum abzubilden, haben wir aus meiner Sicht schon viel erreicht. Es kann sein, dass wir zur Wahrung dieser übergeordneten Interessen an anderer Stelle Kompromisse machen müssen, aber das wird allen Fächern so gehen. Ich wage die Prognose, dass viele Dinge, die wir in unserem Studium noch selbstverständlich lernen mussten, in Zukunft auf einen späteren Abschnitt der Ausbildung – also die Weiterbildung zum Facharzt – verlagert werden.

Der Wunsch nach kompetenzorientiertem Lernen und die Pathologie als Wissensfach – wie kann man das im Masterplan zusammenbekommen?

Prof. Ströbel: Es gilt, Redundanzen im Lehrplan auszuschalten; und gleichzeitig müssen wir aufmerksam bleiben, dass nichts Wesentliches auf der Strecke bleibt. Die Prüfungen sind nach dem neuen Masterplan entscheidendes Steuerungselement und zentral für die Gestaltung der Inhalte in der Lehre. Mit der Umsetzung der Prüfungen ist das IMPP, Institut für Medizinische und Pharmazeutische Prüfungsfragen, beauftragt. Die Pathologie ist und bleibt aber ein Grundlagenfach. Das muss auch in Zukunft deutlich bleiben und das werden wir auch immer wieder betonen. Dieser Punkt ist unser zentraler Fokus in den Diskussionen mit der Fachkommission.

Kompetenz kontra Wissen – ist das ein zentrales Dilemma des Masterplans?

Prof. Brochhausen-Delius: Das kann man so deuten. Wir sehen die Fokussierung auf kompetenzbasiertes Lernen aber eher als Chance. Diese Form des Lernens ist die zeitgemäße. Die Studierenden wollen und sollen wissen, warum sie etwas lernen. Für uns Lehrende bedeutet dies eine verstärkte Reflexion, welche Inhalte wir vermitteln – diese Herausforderung stellt sich gerade im Zusammenhang mit der Tatsache, dass wir in Zukunft weniger Zeit mit den Studierenden eingeräumt bekommen.

Die Pathologie spielt ja eine wesentliche Rolle im klinischen Alltag, muss sich das nicht in den Inhalten des Studiums abbilden?

Prof. Ströbel: Das wäre wünschenswert. Rund 75 Prozent der Therapieempfehlungen z.B. bei Krebspatienten beruhen zumindest in Teilen auf der pathologischen Diagnostik. Im zweiten Staatsexamen ist das Fach Pathologie allerdings nur mit weniger als 10 Prozent der Fragen belegt. Hier werden wir uns dafür einsetzen, dass unser Fach auch in den Examina die Sichtbarkeit erhält, die es in der Krankenversorgung tatsächlich hat.

Wie sieht es mit den Kompetenzen aus, die die Pathologie im Sinne des neuen Masterplans vermitteln kann?

Prof. Ströbel: Aus unserer Sicht können Studierende im Fach Pathologie mehrere für den Arztberuf relevante Rollen und Kompetenzen erlernen. Die Pathologie ist traditionell stark wissenschaftlich ausgerichtet und ein halb-theoretisches Fach, was sich in der Rolle des „Arztes als Wissenschaftler“ abbildet. Der Transfer von gelerntem theoretischem Wissen in die systematische praktische Anwendung ist aus meiner Sicht eine absolute Kernkompetenz einer guten Ärztin/Arztes.

„Hygiene“ im Denken mit Adhärenz an Nomenklaturen und Systematiken ist eine weitere wesentliche Kompetenz. Wir Pathologen sind durch die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte quasi definitionsgemäß interdisziplinär ausgerichtet und arbeiten mit vielen verschiedenen Berufsgruppen zusammen.

Die Pathologie spielt aber noch in anderer Hinsicht eine ganz besondere Rolle im Studium. Die Auseinandersetzung mit Tod und Krankheit, den Kontakt mit dem Leichnam erfahren und üben die Studierenden vor allem im Fach Pathologie. Mit diesem Thema müssen sich unsere oft noch sehr jungen Studierenden auseinandersetzen, um die überragende Verantwortung zu begreifen, die sie in ihrer zukünftigen Rolle als Treuhänder von Leben und Gesundheit ihrer Patienten übernehmen. Wie wichtig dieser Aspekt ist, wird uns immer wieder im Alltag von den Studierenden gespiegelt. Da darf es im Grunde keine Streichungen geben.

Welche Auswirkungen wird der Masterplan auf die forschenden Einrichtungen haben?

Prof. Brochhausen-Delius: Die Wissenschaftskompetenz als Teil des neuen Lernzielkatalogs ist und bleibt ein Schwerpunkt innerhalb der medizinischen Ausbildung. Der Vermittlung wissenschaftlichen Arbeitens wird ein größerer Stellenwert eingeräumt. Das begrüßen wir sehr. Wir sehen in diesem Auftrag als politischen Nebenaspekt eine gewisse Stärkung der Universitäten, da aus unserer Sicht nur die Universitäten eine solche wissenschaftlich fundierte und gleichzeitig praxisnahe Lehre, die sich immer am aktuellen Stand des Wissen orientiert, leisten können.

Fakt ist allerdings auch, dass etwa 95 Prozent der Medizinstudierenden Ärzte und nicht Wissenschaftler werden wollen. Die veränderte Zielrichtung der Ausbildung und erleichterte Zulassungsbedingungen werden vermutlich auch Auswirkungen haben auf die Zusammensetzung unserer Studierenden. Was das für Folgen für den wissenschaftlichen Nachwuchs haben wird, das bleibt abzuwarten.

Auch hier sehe ich eine Chance, wie die PathoIogie als ein wissenschaftsstarkes Fachgebiet mehr ins Bewusstsein der Studierenden gelangt. Daher habe ich auch keine wirkliche Sorge, dass es nicht auch unter diesen Rahmenbedingungen gelingen kann, motivierte junge Medizinerinnen und Mediziner für unser Fach zu begeistern und z.B. für Promotionsarbeiten oder andere wissenschaftliche Projekte zu gewinnen. Meine Erfahrung zeigt, dass wir über diesen Weg auch etwas gegen unseren Nachwuchsmangel tun können.

Welche Forderungen haben Sie an den Masterplan 2020?

Prof. Ströbel: Unser Ziel ist es, die Sichtbarkeit der Pathologie als eigenständiges Fach zu erhalten. Jede medizinische Fachrichtung braucht qualifizierten Nachwuchs. Wenn fachspezifische Inhalte mehr und mehr mit Blick auf das übergreifende System von Kompetenzen aufgelöst werden, weiß kein Student mehr, für welches Fach er oder sie sich letztlich entscheiden soll. Was bleibt, wäre dann nur eine große Orientierungslosigkeit.

Wie gehen Sie in die weiteren Treffen der Fachkommission?

Prof. Brochhausen-Delius: Wichtig ist, dass möglichst viele Beteiligte an einem Tisch zusammenkommen und diskutieren. Wir sind hochmotiviert, die Interessen unserer Fachgesellschaft beim IMPP zu vertreten, dabei sind wir aber auf die aktive Unterstützung unserer Fachkolleginnen und -kollegen angewiesen. Wir benötigen für die zahlreichen Aufgaben dringend weitere Helfer. Selbst wenn es Kolleginnen und Kollegen nicht möglich ist, sich aktiv an einer Arbeitsgruppe vor Ort zu beteiligen, sind wir für ihre Ideen und Anregungen dankbar, damit wir gemeinsam diesen für unser Fach wichtigen Weg zu einer erfolgreichen Reform der medizinischen Ausbildung unter Wahrung unserer Interessen gehen.

Vielen Dank für das Gespräch Prof. Ströbel und Prof. Brochhausen-Delius.

Die Pressemeldung zum Interview

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